MALEREI Öl auf Leinwand, 45x45 cm bis 85x80cm, 2025
Text von Dr. Erich Franz, stellv. Direktor und Referent für die Moderne am LWL- Museum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, 2023
Lioba Schmidt – Das Wilde und das Sanfte
Als der junge Expressionist Ernst Ludwig Kirchner im Januar 1907 eine Ausstellung von Henri Matisse in einer Berliner Galerie besuchte, schrieb er an seinen Malerfreund Erich Heckel eine Postkarte: „Besten Gruß Dein Ernst – Matisse z.T. sehr wüst.“ Auch von Lioba Schmidts Malereien könnte man das sagen: zum Teil sehr wüst. Es hätte den gleichen Grund: Man sieht keine begrenzten Formen – schön konturiert. Sondern nur: Pinselstriche. Man sieht ihre Schnelligkeit, die Energie, den heftigen Impuls – permanent neu ansetzend, beharrlich und wild – doch dann auch wieder: weich, fließend, sogar sanft den weißen Grund berührend, durchlässig – und zugleich wieder: übereinander geschmiert, immer wieder durchstreichend und einschwärzend – eine dunkle Tiefe. Die hingewischten Farbpasten: erdig, rostig, schlammig, sandig – seltener: hellgrün, hellblau, lila, rosa, weiß.
Ein solches Temperament des Farbauftrags gab es schon bei den Expressionisten und auch später bei Willem de Kooning oder Arnulf Rainer. Es war der Tanz auf der Bildfläche, die Aktionen auf der Leinwand oder gegen sie – aber innerhalb des Vierecks. Hier, bei den Malereien von Lioba Schmidt, nehme ich die Bildfläche kaum wahr. Was ich sehe, sind Aktionen auf und im Bereich des menschlichen Körpers – oder gegen ihn. Es sind keine Kompositionen in der Fläche, sondern es sind Aktionen zum menschlichen Körper und von ihm weg – und Aktionen in seinem Umfeld, im angrenzenden Außenbereich, im Schatten und in der Leere.
Was zeigen diese Aktionen, was stellen sie dar? Eben dies: das Heftige, das Beharrliche und Wilde – und das Weiche, Fließende, sogar Sanfte... Der Film „Zweimal im Bad“ von Lioba Schmidt ist den Malereien näher, als es beim ersten Eindruck scheint: Die Personen werden auch hier nicht vollständig sichtbar, nicht als Gestalt, umschlossen von Konturen – wie es üblich ist in europäischer Malerei (und Fotografie). Das Innen und das Außen berühren sich. Sie grenzen sich nicht ab gegenüber dem Umraum. Mein Blick kommt nicht aus der Distanz, sondern von ganz nahe – wie bei Lioba Schmidts Pinselstrichen. Und auch hier sehe und empfinde ich: das Heftige, das Beharrliche und Wilde – und das Weiche, Fließende, bisweilen auch Sanfte.

Ausstellungsansicht "In der Haut schwimmen"
Kunstverein Lippstadt, 2023

Ausstellungsansicht "noch näher", FAK Förderverein für Aktuelle Kunst, Münster 2025








